Chillout-Compilations im Überblick: wie sich die Serien unterscheiden
Vier oder fünf Reihen haben zwischen 1990 und 2005 festgelegt, wie ein Abend zu klingen hat. Sie unterscheiden sich stärker, als ihre Titelbilder vermuten lassen.
Das Wort Chillout stammt aus einem Nebenraum. In den englischen Clubs der späten achtziger Jahre war der Chill-out-Room der Ort, an dem die Musik langsamer war und man sich hinsetzen konnte; 1990 machte die Gruppe The KLF mit einer Platte namens Chill Out daraus ein eigenes Format, eine durchgehende Reise aus Schleifen, Radiofetzen und Steel-Gitarre. Zehn Jahre später war daraus ein ganzes Regal geworden, meist als Doppelalbum, meist mit einem Sonnenuntergang auf der Hülle. Diese Reihen sehen einander sehr ähnlich und unterscheiden sich beim Hören deutlich.
Café del Mar: der Sonnenuntergang als Reihe
Die erste Folge erschien 1994 und trug den Namen einer Bar an der Westküste von Ibiza, in der José Padilla zur Abendstunde auflegte. Sein Material war weit, langsam und stark auf Streicherflächen, Gitarrenfiguren und Filmmusik gestützt; Tanzmusik kam höchstens als gedämpfte Fassung vor. Padilla stellte die ersten Folgen zusammen, danach wechselten die Zusammensteller mehrfach, und mit ihnen der Ton: Spätere Ausgaben rücken näher an gefälligen Downtempo-Pop, ohne die Bildsprache zu ändern.
Für das Ohr bedeutet das: Die frühen Folgen sind der eigentliche Gegenstand, die späteren eine Marke. Wer den Klang mag, sollte den Weg rückwärts gehen und bei den Stücken landen, aus denen er entstanden ist. Wie diese Musik gebaut ist und woher ihr Puls kommt, beschreiben wir im Beitrag über den langsamen Puls von Ibiza bis Bristol.
Buddha-Bar: Paris, 1999
Die zweite grosse Reihe kommt nicht von einer Insel, sondern aus einem Restaurant im achten Pariser Arrondissement. Claude Challe stellte 1999 die erste Ausgabe zusammen, und das Format war von Anfang an ein Doppelalbum mit zwei Rollen: eine Scheibe für den frühen Abend, eine für die spätere Stunde. Musikalisch arbeitet die Reihe mit Anleihen aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien, mit Trommeln, Rohrflöten und langen Gesangslinien über elektronischem Unterbau.
Genau daran scheiden sich die Meinungen. Die Reihe hat einen Ton geprägt, der bis heute jede zweite Hotelbar grundiert, und sie hat zugleich die Vorlage für sehr viel Beliebigkeit geliefert: Wer Ornamente ohne Zusammenhang aneinanderreiht, bekommt Kulisse statt Musik. Die ersten drei Ausgaben halten diesem Vorwurf am besten stand, weil sie noch von einer Person mit einem klaren Geschmack zusammengestellt wurden.
Hôtel Costes: mehr Puls, weniger Meer
Im selben Jahr begann Stéphane Pompougnac, die Abende im Hôtel Costes an der Rue Saint-Honoré auf Platte zu bringen. Der Unterschied zu den beiden anderen Reihen ist sofort hörbar: Hier gibt es einen durchgehenden, wenn auch gedämpften Beat, gefilterte House-Elemente aus der französischen Schule der neunziger Jahre, viel Bossa und eine Prise Ironie. Es ist Musik für einen Raum, in dem noch gesprochen und getrunken wird, nicht für die Stunde danach.
Damit deckt die Reihe genau das ab, was wir an anderer Stelle die Übergangsstunde nennen: den Teil des Abends, der noch Bewegung hat. Wie man diese Stunde selbst gestaltet, steht im Beitrag über Lounge-Musik am Abend.
Hören Sie die letzten zwanzig Sekunden eines Titels und die ersten zwanzig des nächsten. Passen Tonart, Tempo und Klangfarbe zusammen oder ist der Übergang ein harter Schnitt? Eine sorgfältig gebaute Compilation ist an ihren Nahtstellen zu erkennen, nicht an ihren Namen.
Late Night Tales: der Musiker als Zusammensteller
Eine Gegenbewegung startete 2001 unter dem Namen Another Late Night und läuft seither als Late Night Tales weiter. Das Prinzip: Nicht eine Redaktion stellt zusammen, sondern eine Band oder ein Musiker, und zwar mit dem ausdrücklichen Auftrag, die eigene Plattensammlung für die späte Stunde zu plündern. Zur Form gehört meist eine eigens aufgenommene Fassung eines fremden Stücks und am Ende ein gelesener Text.
Der Vorzug ist offensichtlich: Diese Folgen haben eine Handschrift und führen zu Musik, auf die man über Empfehlungslisten nie stossen würde. Der Preis ist die Ungleichmässigkeit, denn ein Band, den man mag, sagt wenig über den nächsten. Man kauft hier keine Reihe, sondern einen Menschen.
Eine Compilation ist kein Behälter für ähnliche Titel. Sie ist eine Reihenfolge mit einem Ende.
Die Prüfliste für jede Folge
- Steht ein Name als Zusammensteller auf der Hülle, oder nur der Reihenname?
- Sind die Übergänge gemischt oder hart geschnitten?
- Kommt ein Interpret mehr als einmal vor?
- Gibt es eine Kurve, also einen ruhigeren Schluss als Anfang?
- Enthält die Folge mindestens ein Stück, das man nirgends sonst findet?
- Wie alt ist das jüngste Stück? Reihen ohne neues Material leben von Lizenzen.
Zwei Ja-Antworten bei den ersten drei Fragen reichen meistens, um eine Folge auszusortieren. Umgekehrt gilt: Eine Compilation mit genanntem Zusammensteller, gemischten Übergängen und einer erkennbaren Dramaturgie ist auch dreissig Jahre später noch hörbar, während die anonyme Fortsetzung derselben Reihe längst vergessen ist.
Was beim Umzug in die Wiedergabeliste verloren geht
Fast alle diese Reihen liegen heute als Listen bei den Streamingdiensten. Dabei verschwinden drei Dinge. Erstens die Übergänge: Gemischte Fassungen werden oft durch Einzeltitel ersetzt, und aus dem Fluss wird eine Aneinanderreihung. Zweitens die Grenze: Eine Compilation hatte fünfundsiebzig Minuten, eine Liste läuft, bis jemand sie beendet, und irgendwann übernimmt der Automat mit Vorschlägen, die niemand zusammengestellt hat. Drittens das Ende, also die bewusste Entscheidung, wie ein Abend ausklingt.
Wer sich diese drei Dinge zurückholen will, kann sie nachbauen: die Titel in der Reihenfolge der Vorlage hören, die automatische Fortsetzung abschalten und am Ende ausschalten statt weiterlaufen zu lassen. Warum Dienste die Lautheit angleichen und was davon hörbar bleibt, haben wir im Beitrag über Bibliothek, Strom und den Unterschied im Ohr aufgeschrieben.
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